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Montag, 20. September 2021

Stammapostel i.R. Leber: Ich bin im Ruhestand angekommen (1)

(10.10.2013) Pfingsten 2013 übergab Wilhelm Leber die Leitung der Neuapostolischen Kirche International und die Verantwortung für mehr als zehn Millionen neuapostolische Christen an Jean-Luc Schneider. Nach achtjähriger Amtszeit als Stammapostel trat er in den Ruhestand. Rund zwanzig Wochen später blickt das ehemalige Kirchenoberhaupt zurück und zieht ein erstes Resümee seiner Ruhestandszeit.

In Teil 1 des Interviews spricht Stammapostel i.R. Wilhelm Leber über die Wandlung seines Rollenverhaltens, schildert, wie er als Gemeindemitglied die Gottesdienste erlebt, gibt Auskunft über seine Ruhestands-Planungen und verrät, welches Thema er anpacken würde, wenn er noch immer aktiver Stammapostel wäre.

Stammapostel Leber, vor Ihrem Büro stehen zusammengefaltete Umzugskartons. Ein Zeichen Ihres Ruhestands. Aber auch ein Zeichen dafür, dass noch nicht alles erledigt ist. Welche Aufgaben haben Sie in Ihren Ruhestand mitgenommen?

Zunächst gab es Arbeiten – und die gibt es noch –, die erst mit meinem Ruhestand gekommen sind. Zum Beispiel haben mir einige Glaubensgeschwister anlässlich meines Ruhestandes geschrieben und sogar kleine Geschenke gemacht. Darauf habe ich geantwortet und tue es gerne weiterhin. Auch kommen E-Mails und Briefe von jenen hinzu, die mir in meiner Amtszeit nicht geschrieben haben – und es auch genauso begründen: „Jetzt haben Sie ja Zeit auf meine Fragen zu antworten.“ (lacht) Und dann ist daneben noch meine Projektgruppen-Arbeit, die weitergeht. So bin ich im Auftrag des Stammapostels weiter für die Koordinationsgruppe tätig und außerdem damit beschäftigt, die Leitgedanken zum Gottesdienst durchzusehen. Und zwischendurch gibt es noch ein paar Anfragen aus Projektgruppen, ob ich für sie die eine oder andere Aufgabe übernehmen könnte. Also: Es ist einiges da, was noch Arbeit macht. (lacht) Aber ich freu mich darüber, denn ich beschäftige mich gern damit.

Ist absehbar, wann diese Arbeiten auslaufen?

Ja, ein großer Teil wird Ende des Jahres auslaufen.

Was heißt das bis dahin konkret für Ihren Alltag im Ruhestand: Zu wie viel Prozent sind Sie noch Stammapostel und zu wie viel Prozent im wirklichen Ruhestand?

Das ist schwierig zu sagen. Grob eingeschätzt denke ich, dass ich ein Viertel meiner Zeit noch für die Kirche tätig bin. Und in der restlichen Zeit bin ich Privatmann.

Entspricht dieses Verhältnis den Erwartungen Ihrer Frau? Oder heißt es bei Ihnen wie bei Loriot: Entschuldigung, das ist mein erster Ruhestand. Ich übe noch.

(lacht) Nein, im Großen und Ganzen ist meine Frau einverstanden. Nur – wie das manchmal so ist – häuft sich auch mal etwas. Und sie hat schon die Erwartung, dass ich im Haushalt mehr mithelfe oder ab und zu den Hund hüte, was früher überhaupt nicht möglich war.

Klingt zunächst nach Kleinigkeiten. Und was bei Loriot sehr lustig klingt, ist bei vielen Betroffenen wie Angehörigen eine ernsthafte Herausforderung: der Übergang in den Ruhestand und die einhergehenden Veränderungen, wie beispielsweise die Wandlung des Rollenverhaltens und das Ausbleiben von gewohnten Erfolgserlebnissen. Wie gehen Sie damit um?

Ich muss wirklich sagen, dass ich da keinerlei Schwierigkeiten habe. In dem Augenblick, als ich zur Ruhe gesetzt worden bin – so ist mein Empfinden heute noch –, habe ich eine Tür geschlossen. Und die ist zu geblieben. Klar, ich mache gern, was noch zu tun ist. Aber ich freue mich, dass ich jetzt die Zeit entspannt genießen kann, jeden Tag neu. Vor allem bin ich froh darüber, dass der Termindruck nicht mehr vorhanden ist. Manches kann ich nun auch morgen erledigen. Diesen entspannten Umgang mit den Aufgaben genieße ich sehr.

Das gelingt nicht jedem Ruheständler – unabhängig davon, wo er tätig war. Am einfachsten und besten wäre es, so die Meinung einiger Alternsforscher, im Alter länger zu arbeiten und dafür in jüngeren Jahren Pausen einzulegen, etwa in Form von einem Sabbatjahr. Wie hört sich das für Sie an: Ein Stammapostel oder – allgemeiner – ein Apostel, der ein Sabbatjahr macht?

Ich muss sagen: So richtig vorstellen kann ich mir das nicht. Wenngleich das sicherlich eine Frage wäre, die man näher untersuchen müsste, sollte das von einem einzelnen Apostel wirklich gewünscht werden. Generell ist das aber recht schwierig. Man steckt in so vielen Prozessen, nimmt an regelmäßigen Sitzungen teil, muss zahlreiche Entscheidungen treffen ... Da ist ein komplettes Herausziehen eher theoretischer Natur.

Auch theoretisch für Sie, zukünftig aber real: 2029 wird das Rentenalter erst mit dem vollendeten 67. Lebensjahr beginnen. Stellen Sie sich vor, diese Regelung wäre 16 Jahre eher in Kraft getreten und Sie hätten demnach noch zwei Jahre Amtszeit vor sich. Was würden Sie sich als Stammapostel bis 2015 noch vornehmen?

Ich denke da an den Katechismus. Mit der Herausgabe haben wir einen wichtigen Schritt getan. Aber nun stellen sich Anschlussfragen, die jetzt unter der Leitung des neuen Stammapostels behandelt werden. Unter anderem geht es um das Amtsverständnis. Selbstverständlich sind dazu Aussagen im Katechismus gemacht worden, doch das kann und soll vertieft werden. Und das wäre sicherlich ein erstes Anliegen, was ich haben würde, wenn ich noch aktiv im Stammapostelamt tätig wäre. Aber da das nicht so ist, weiß ich das in guten Händen bei unserem neuen Stammapostel Jean-Luc Schneider.

Bis 2015 hätten Sie – entsprechend Ihrem bisherigen Durchschnitt – noch rund hundert Reisen unternommen, davon 30 Fernreisen. Wie viele sind in der gleichen Zeit nun als Ruheständler geplant?

Keinerlei Fernreisen. Eine Fernreise käme für mich nur noch in Frage, wenn etwas Besonderes anstehen würde, etwa ein Bezirksapostelwechsel oder Segenshandlungen an Paaren, zu denen ich eine enge persönliche Beziehung unterhalte. Da wäre es mir ein Anliegen, mit dabei zu sein. Ansonsten genieße ich es, zuhause zu bleiben. Das Reisen ist mit vielen Anstrengungen verbunden. Und ich merke, dass es mir ausgesprochen gut tut, keine Fernreise mehr zu machen.

Was können Sie zu weiteren Planungen Ihres Ruhestandes sagen? Werden Sie ein Buch schreiben oder sich – gemäß Ihres Studiums und ursprünglichen Berufs – noch einmal mit Mathematik beschäftigen? Und welche Aufgabe wollen Sie auf Gemeindeebene übernehmen?

In meiner Gemeinde verhalte ich mich zunächst einmal zurückhaltend. Es ist sehr schön da, zweifellos, aber ich möchte die Glaubensgeschwister dort erst richtig kennenlernen – oder wieder kennenlernen. Denn manche kenne ich ja von früher. Aber es sind mittlerweile Jahrzehnte ins Land gegangen und so hat sich in der Gemeinde selbstverständlich einiges geändert. Also versuche ich allen wieder näher zu kommen, Gemeinschaft zu pflegen, nehme allerdings von offiziellen Aufgaben zunächst Abstand. Stattdessen betätige ich mich – unterstützend – im Seniorenkreis. Dort habe ich beispielsweise festgestellt, dass die Seniorenveranstaltungen hauptsächlich von Frauen besucht werden. Demnach versuche ich die Männerriege zu aktivieren. Inzwischen zeigen sich sogar erste Erfolge. (lacht)

Und Ihre Ruhestands-Aktivitäten und -Planungen außerhalb des Gemeindelebens?

Ich betätige mich gern musikalisch, nutze das Klavier und die kleine Orgel, die wir zuhause haben. In den letzten Jahren habe ich es bedauert, dafür keine Zeit zu haben. Und das will ich nun pflegen, Anschluss finden an die Fähigkeiten von früher, aber nur für mich ganz privat. Mit kirchlichen Aufgaben will ich das nicht unbedingt verbinden.

Kommen wir auf Ihre neuen Gemeindeerfahrungen zurück: Wie erleben Sie – ganz ohne Predigtauftrag – die Gottesdienste?

Auch sehr entspannt. (lacht) Ich kann wirklich sagen, dass ich jeden Gottesdienst genieße. Das fängt schon damit an, dass ich ja jetzt neben meiner Frau sitze. Gleich im ersten Gottesdienst, den ich in der Gemeinde erlebt habe, hat sie mir gezeigt, wo ihr Platz ist – und damit auch, wo meiner ist. Da sitze ich nun, genieße den Chor und bleibe mit meiner Frau im Anschluss an den Gottesdienst noch auf einen Kaffee, so wie das in unserer Gemeinde üblich ist. Also ich bin – so weit ich das selbst von mir sagen kann – im Ruhestand angekommen. Und aus den Gottesdiensten gehe ich immer zufrieden heraus.

Werden Sie denn manchmal während der Predigt an die Leitgedanken zum Gottesdienst erinnert, die Sie Monate zuvor zum Teil selbst geschrieben haben?

Das kommt natürlich vor, häufig direkt beim Verlesen der Bibelstelle. Da merke ich: Aha, mit diesem Vers habe ich schon einmal einen Gottesdienst gehalten. Aber in aller Regel weiß ich gar nicht mehr, was ich damals gesagt habe. Auch die schriftlichen Leitgedanken habe ich nicht mehr parat. Ich bin dann offen für die Predigt. Und ich erlebe: Jeder Gottesdienst hat etwas Neues. Ich habe keinesfalls den Eindruck, dass auch nur eine Predigt etwas Abgestandenes wäre, das ich sowieso schon kennen würde. Und eines muss ich dazu sagen: Ich versuche, jeden Gottesdienst auf mich zu beziehen. Meine Aufgabe ist nicht, zu hinterfragen, was man vielleicht besser machen könnte, was besser zu formulieren wäre oder so etwas. Nein, ich freue mich, weil ich sehe, wie authentisch die Amtsträger predigen.

Andersherum könnte ich mir vorstellen, dass die Amtsträger, vielleicht junge Priester, auf Sie zukommen und ganz ausdrücklich Feedback wünschen. Findet das statt?

Nein, das hat bisher keiner geäußert. Möglicherweise ist da momentan aber auch noch eine gewisse Scheu vorhanden. Gerade anfangs war diese Scheu schon zu spüren. Inzwischen legt sich das. Ein ganz kurzes Gespräch findet aber insofern statt, als ich mich bei den Amtsträgern für den Gottesdienst bedanke – ganz konkret auch für Gedanken, die mich besonders angesprochen haben. Dadurch erfahren sie dann, was bei mir gut angekommen ist.

Gibt es Punkte, die bei Ihnen nicht gut ankommen? Den Autoren der Leitgedanken gaben Sie mitunter die Rückmeldung, dass der rote Faden fehle. Stellen Sie nun hier und da auch einen fehlenden roten Faden in den Gottesdiensten fest?

Gottesdienste sind unterschiedlich. Man merkt auch, dass die Begabungen unterschiedlich sind. Manch einer kann das Bibelwort brillant auslegen und ausführen, systematisch aufschließen – ein anderer tut sich schwer damit. Doch jeder hat in seiner Art die Fähigkeit, die Herzen der Gemeindemitglieder zu erreichen. Ich nehme auch etwas aus Gottesdiensten mit, in denen das Bibelwort nicht so sehr aufgeschlossen wird. Es gibt dann dennoch Gedanken, die mich faszinieren oder dir mir für meine persönliche Situation viel sagen und mich weiter bringen. Also egal, wie die Predigt aufgebaut wird, ich nehme immer etwas mit.

Nun sind Sie nicht zu jedem Gottesdienst in Ihrer Gemeinde, sondern nehmen auch Einladungen zu Gottesdiensten vom Stammapostel oder Bezirksapostel an. Dort ist es Tradition, dass Apostel im Ruhestand die Garderobe eines aktiven Amtsträgers tragen, also einen schwarzen Anzug mit Krawatte und ein weißes Hemd. Wieso ist das so? Und warum gilt der gleiche Dresscode nicht auch für die priesterlichen Amtsträger im Ruhestand?

Das ist eine gute Frage, warum das so ist. Ich denke, das ist noch historisch bedingt. Denn früher waren die Apostel im Ruhestand vor den Gottesdiensten in die Sakristei eingeladen – was inzwischen nicht mehr praktiziert wird. Die Tradition des Dresscodes hat sich aber festgesetzt. Doch im Grunde gibt es keine rechte Veranlassung dafür, dass Apostel im Ruhestand schwarz-weiß gekleidet erscheinen. Das hat keinen tieferen Sinn, sondern ist einfach eine Gepflogenheit, die sich eingebürgert hat. Und ich persönlich ziehe meine schwarzen Anzüge gern zu diesen besonderen Gottesdiensten an. Was soll ich auch sonst mit den Anzügen machen? (lacht)

Ist es nicht auch etwas seltsam, wenn man – wie Sie – 43 Jahre lang die Gottesdienste im schwarzen Anzug gekleidet besucht und gefeiert hat, dann aber, von einem Tag auf den anderen, zu einem farbigen Anzug greift? Wie war das bei Ihrem ersten heimischen Gottesdienstbesuch im Ruhestand? Können Sie sich an die Farbe Ihrer Krawatte erinnern? Und an das Gefühl in „bunt“ in der Kirchenbank zu sitzen?

Also an die Krawatte kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich weiß, dass ich einen blauen Anzug getragen habe. (lacht) Sicher, als ich mich dann in die Kirchenbank gesetzt habe, hatte ich schon ein komisches Gefühl. Doch dieses Gefühl ist schnell gewichen, nämlich der Freude, dass ich im Ruhestand ein ganz normales Gemeindemitglied bin.

 

Fortsetzung folgt.

 

Interview: Björn Renz

Fotos: Marcel Bock